Die Fantasie eines manisch-depressiven Teenagers
Die Fantasie eines manisch-depressiven Teenagers © michael lorenzo / freeimages.com

Hörspiel

"Die Erfindung der Roten Armee Fraktion ..."

In Frank Witzels Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion" vermischt sich die politische Lage Deutschlands 1969 mit den Fantasien eines manisch-depressiven Teenagers. Sein Jugendzimmer wird zum Echoraum der Geschichte, während er sich in einer oszillierenden Realität bewegt.

Im Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" von Frank Witzel vermischt sich die kindliche Fantasie des namenlosen Ich-Erzählers mit den politischen Verwerfungen in der BRD. Das Jugendzimmer wird zum Echoraum der Geschichte, in dem der Aufstand gegen Familie, Staat und Kirche nicht weniger real erscheint als die von der RAF geträumte Revolution.

Der Teenager nimmt uns mit in den Raum seiner manischen-depressiven Störung, in dem sich seine Lebensorte überlagern und verwischen - das Jugendzimmer und der letzte Ort seines kurzen Lebens im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erscheinen gleichermaßen. Gudrun Ensslin wird zur Indianersquaw aus braunem Plastik und Andreas Baader zum Ritter in schwarzglänzender Rüstung in seinem Kopf, der die politischen und persönlichen Konflikte in sich vereint. 

In diesen Hallen hallen auch konkrete Erinnerungen an das Leben des Teenagers wider. Die Vergangenheit mit ihrem Duft, ihrem Geschmack und den darin verborgenen Ängsten und Traumata bricht durch die mühsam zusammengehaltene Oberfläche, so wie in dieser Zeit die Wunden der Nachkriegsgesellschaft aufreißen und die verborgenen und unterdrückten Schrecken der Nazizeit plötzlich freilegen. Seine Jugend zwischen Kirche und Krankheit setzt den Erzähler ständig Verhören, Befragungen und Geständnissen aus, sei es in seiner Therapie oder im Beichtstuhl. Mit jeder Frage und jedem Geständnis brechen neue Wunden auf. Schließlich erliegt er diesem inneren Beben.

Der Erzähler urteilt über seine manisch-depressive Störung: "Man ist nicht immer wahnsinnig, sondern man ist wahnsinnig und dann wieder nicht, so wie man liebt und dann wieder nicht." Seine Erzählung ist so instabil wie seine Zustände, und er sagt weiter: "Erlöse uns von unseren Gedanken und Meinungen und dem Versuch, Geschichte zu rekonstruieren und immer gleiche Gedanken in Wiederholungen zu perpetuieren und damit das kardiovaskuläre System langsam nach unten zu fahren." Das Aufheben der linearen und chronologischen Erzählweise ist hier kein Mittel zum Zweck, sondern Ausdruck dieser "frei in der Zeit flottierenden Geschichtsschreibung", mit der sich Frank Witzels Roman gegen die herkömmliche Deutung der Geschichtsschreibung und Interpretation wendet.

""Die Erfindung der Roten Armee Fraktion ..."" im Überblick

"Die Erfindung der Roten Armee Fraktion ..."

von Frank Witzel

Mit Jonas Nay, Edmund Telgenkämper, Valery Tscheplanowa, Christiane Roßbach, Peter Fricke, Oliver Nägele, Shenja Lacher, Götz Schulte

Produktion: 2016

Sendezeit Sa, 30.09.2023 | 15:05 - 17:00 Uhr
Sendung Bayern 2 "Hörspiel"
Radiosendung