Jodie Ahlborn liest Irmgard Keuns Werk "Kind aller Länder"
Jodie Ahlborn liest Irmgard Keuns Werk "Kind aller Länder" © DariuszSankowski / pixabay.com

HörspielLesung

Irmgard Keun: Kind aller Länder | Teil 7 von 14

Teil 7/14 | Kully ist ein zehnjähriges Mädchen, das gemeinsam mit ihrer besorgten Mutter und ihrem verschwenderischen Vater, der Schriftsteller ist, Nazi-Deutschland hinter sich lässt. Ihr Vater hat eine Vorliebe für kostspielige Hotels, gehobene Restaurants und bequeme Taxifahrten. Sein Verhalten schwankt zwischen Zuneigung und Gleichgültigkeit gegenüber seiner Familie, was die beiden Frauen oft in einer prekären Lage zurücklässt, ohne gültige Visa und mit knurrendem Magen. Dennoch lässt sich die gewitzte und mutige Kully nicht entmutigen. Irmgard Keun erzählt in ihrem Roman über die Flucht aus der Sicht eines Kindes und setzt damit ein Zeichen gegen die Engstirnigkeit und Unmenschlichkeit der damaligen Zeit. Jodie Ahlborn verleiht dieser Erzählung in ihrer Lesung eine bewegende Stimme.

Kurt Tucholsky, ein bedeutender Kritiker, beschrieb Keuns Talent wie folgt: "Ihr Humor ist wie der eines gutmütigen Mannes, ihre Anmut gleich einer Frau, sie zeichnet sich durch Verstand und Gefühl aus." Die Nationalsozialisten schätzten jedoch weder ihren witzigen Stil noch ihre unkonventionelle Art. Stattdessen diffamierten sie Keuns Bücher und verbrannten diese sogar. 1936 verließ Keun Deutschland und fand in Ostende Unterschlupf, wo sie Joseph Roth, den melancholischen Verfasser des "Radetzkymarsch", traf und sich in ihn verliebte. Roth trauerte um den Niedergang der österreichischen Monarchie und fand im Alkohol die vergebliche Hoffnung, seinen Kummer zu lindern, was zu finanziellen Problemen führte. Mit permanenten Geldsorgen, der Suche nach Verlagen und atemlosen Lesereisen durch Europa, um Nazi-Deutschland zu umgehen, gestaltete sich das Leben im Exil schwierig.

Die Herausforderungen der Flucht und die Freuden der Liebe verarbeitete Keun durch eine innovative Perspektive, indem sie die Figur der Kully schuf. Dieses junge Mädchen nimmt die bedrückende Realität aus ihrem kindlichen Blickwinkel wahr, naiv und dennoch unerschrocken, stets bestrebt zu helfen, obwohl sie oft hilflos bleibt. Kully schildert die Miseren ihrer Reise und wie sie die Welt anders gestalten würde, wäre es nach ihr gegangen. Diese Schilderungen pendeln zwischen heiter und bewegend, schaffen aber stets den Ansporn, auch in scheinbar ausweglosen Situationen durchzuhalten. In einem Schreiben an einen weiteren Gefährten in der Ferne fasste Irmgard Keun ihr literarisches Ziel im Exil zusammen: "Ich fühle mich verpflichtet, im Kampf gegen die Nazis und gegen menschliche Trägheit mitzuwirken. Viele ruhen sich auf dieser Trägheit aus." Die Erstarrten und Trägen zu erschüttern, bleibt ein hehres und zeitgemäßes Thema. Nur wenigen ist es gelungen, aus der kindlichen Sichtweise glaubwürdige Erzählungen zu schaffen, doch Keun gelang dies mit "Kind aller Länder" eindrucksvoll, und Jodie Ahlborn versteht es meisterhaft, sich in den Charakter der Kully hineinzuversetzen.

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Zum Autor

Irmgard Keun, 1905 in Berlin geboren, erlangte rasch Berühmtheit mit ihren Büchern "Gilgi, eine von uns" (1931) und "Das kunstseidene Mädchen" (1932). Nach 1936 lebte sie größtenteils im Exil in Ostende, Belgien. Während dieser Zeit schrieb sie unter anderem die Werke "Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften" (1936), "Nach Mitternacht" (1937), "D-Zug dritter Klasse" (1938) und "Kind aller Länder" (1938). Zwischen 1940 und 1945 hielt sie sich illegal in Deutschland auf. Nach Kriegsende publizierte sie zwei weitere Romane, Bilder und Gedichte aus der Zeit im Ausland sowie eine Erzählung. Sie engagierte sich zudem für Rundfunk und Zeitungen und verstarb 1982 in Köln.

"Irmgard Keun: Kind aller Länder " im Überblick

Irmgard Keun: Kind aller Länder

von Irmgard Keun

Mit Jodie Ahlborn

Produktion: 2016

Sendezeit Mi, 04.02.2026 | 09:30 - 10:00 Uhr
Sendung hr2-kultur "Lesung"
Radiosendung