
LiteraturLesung
Zsömle ist weg von Lazlo Krasznahorkai | Teil 6 von 15
Teil 6/15 | Bitte bewahren Sie strengstes Stillschweigen über Ihre Entdeckung, dass es mich gibt und dass wir einander hier treffen. Keiner darf herausfinden, wer ich bin oder wo ich mich befinde", betont Onkel Józsi nachdrücklich, da er es vorzieht, bei diesem Namen genannt zu werden und nicht etwa König oder Hoheit. Dies wird so bleiben, bis er allgemein als rechtmäßiger Nachfolger des letzten Monarchen von Ungarn anerkannt wird und auf dem Thron sitzt.
Als Nachfahre eines alten Adelsgeschlechts, das seine Wurzeln bis hin zu Dschingis Khan verfolgt, gehört er gewissermaßen seit vielen Jahren in diese Rolle. Der inzwischen 91-jährige József Kada soll bereits 1944 durch den damaligen Reichsverweser — einen interimistischen Monarchenvertreter — heimlich gekrönt worden sein. Trotz der Geheimhaltung ändert dies nichts an seinem festen Glauben an seinen legitimen Anspruch auf die Krone Ungarns.
Józsi, der sein Leben eigentlich schon als abgeschlossen betrachtet hatte und sprichwörtlich "keine weiteren Scheite ins Feuer legt", lebt mit seinem Hund Zsömle zurückgezogen in einem Dorf unweit von Budapest, das von einigen skurrilen Bewohnern bewohnt wird. Doch seit ihn Monarchisten und nationalistische Gruppen gefunden haben und regelmäßig besuchen, ist es vorbei mit dem Frieden. Rasch wird klar: Diese Bewegung besteht nicht nur aus ein paar altmodischen Spleenikern; die Monarchisten träumen von der Rückkehr des Königreiches, sie erkennen die "vermeintliche Demokratie" sowie das Parlament nicht an, sehen das Vaterland in Gefahr und einige von ihnen sinnieren sogar über einen gewaltsamen Umsturz. Onkel Józsi jedoch distanziert sich von solchen ideen...
In seinen früheren Werken zeichnet Krasznahorkai stets absurde Szenerien, die an Kafka und Thomas Bernhard erinnern — gleichzeitig traurig und schalkhaft.
Zum Autor
László Krasznahorkai, 1954 in Gyula, Ungarn, zur Welt gekommen, gilt als einer der kreativsten Schriftsteller Europas. Seine Werke wie "Satanstango" und "Melancholie des Widerstands" haben weltweit Anerkennung gefunden. 2015 erhielt er den International Man Booker Prize; sein Roman "Baron Wenckheims Rückkehr" wurde 2019 mit dem National Book Award for Translated Literature geehrt. Weitere Ehrungen folgten, darunter 2021 der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur und der spanische Prix Formentor 2024. Im Jahr 2025 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Zuletzt veröffentlichte er die Werke "Herscht 07769" und "Zsömle ist weg". Krasznahorkai ist heute in Triest, Italien, ansässig.
"Zsömle ist weg von Lazlo Krasznahorkai" im Überblick
Zsömle ist weg von Lazlo Krasznahorkai
von Lázló Krasznahorkai
Mit Walter Kreye
Produktion: 2026
| Sendezeit | Mo, 08.06.2026 | 09:00 - 09:40 Uhr |
| Sendung | MDR KULTUR "Lesezeit" |