Dieses Mal ist Mara Genschel bei DEAR READER zu Gast. Vielleicht erinnert ihr euch an ihren Auftritt beim Wettbewerb um den Ingeborg Bachmann Preis 2022, als diese Schönheit mit Schnurrbart mit leicht bescheuerten amerikanischen Akzent, einen sehr lustigen, verspielten, konzeptuellen und abgründigen Text vorgelesen hat. Er heißt DAS FENSTER ZUM HOF. Der Text ist Teil der „Midlife-Prosa“, wie Mara Genschel ihre Textsammlung genannt hat, die 2024 im Engeler Verlag erschienen ist. Im Untertitel steht „Performative Erzählungen“. Denn die Texte sind nicht nur für Performances geschrieben, sondern oft selbst performativ. Der Text übernimmt dann plötzlich, schreibt über die Autorin, verwirft sich, streicht sich durch. Die Texte werden zu einer Bühne.
Ein weiteres Motiv vieler Texte ist die Suche nach einem Titel. Man hat manchmal den Eindruck, die Texte hätten keine Lust sich festzulegen, starr zu werden.
Vielmehr interessiert sich die Autorin Mara Genschel dafür, was aus den Texten werden kann, und wie sie sich in der Konfrontation mit einem Publikum verändern. Damit fordert sie die normative Regelpoetik heraus. Sie hat ein Händchen dafür, Inhalt und Form auf humorvolle Weise auseinanderklaffen zu lassen. Zudem macht sie die gängigen Textkonventionen sichtbar, indem sie diese spielerisch unterläuft.
Mascha Jacobs ist fasziniert von Mara Genschels konzeptuellen und musikalischen Texten! Von ihrer literarischen Institutionskritik, die klug spielerisch und sinnlich zugleich ist.
Mara Genschel hat „Einkreisung eines dicken Mannes“ mitgebracht, die Titelerzählung des gleichnamigen Bandes von Paul Pörtner, der 1968 bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist. Außerdem hat sie „Geist der Peinlichkeit“ von Birgit Kempker dabei, das 2022 im Engeler Verlag erschienen ist.
Mara Genschel arbeitet als Schriftstellerin und Performerin an einem Literaturbegriff, der nicht nur das klassische "Buch" umfasst. Die Performativität ihrer Texte entfaltet sich sowohl in speziellen Publikationskonzepten (etwa ihrer 2012-2016 in Kleinstauflage erschienenen und heute nur noch ausleihbaren "Referenzfläche") als auch in der bewussten Begegnung mit dem Publikum. Sie arbeitet interdisziplinär, auch in der Neuen Musik manchmal und im Hörspiel. Sie war Gastdozentin am Institut für Sprachkunst an der Angewandten in Wien, an der Kunstuni Linz und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Und arbeitet zur Zeit als Dozentin an der Kunshochschule für Medien Köln. 2024 hat sie die Hildesheimer Poetikvorlesung gehalten. Neben vielen anderen Publikationen und interdisziplinären Arbeiten erschienen 2024 das Hörspiel "Utopische Dialoge" (SWR2) und "Midlife-Prosa" (Engeler Verlag). Und im September 2025 erscheint „Das narzisstische Skript“ (Theorie und Praxis) eine erste kleine Werkschau bei edition text + kritik.
Mara Genschel: Midlife-Prosa. Performative Erzählungen. Engeler Verlag 2024.
Paul Pörtner: Einkreisung eines dicken Mannes. Erzählungen, Beschreibungen, Grotesken. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968.
Birgit Kempker: Geist der Peinlichkeit. Engeler Verlag 2022.
Kultur & Gesellschaft
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Bei Dear Reader unterhält sich Mascha Jacobs einmal im Monat mit Autor*innen über die Bücher ihres Lebens. Über die Wege, auf denen sie zu ihnen finden, wie das Gelesene sie verändert und wie oder ob für sie Lesen und Schreiben zusammengehören.
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Folge vom 01.07.2025Mara Genschel über instabile Texte
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Folge vom 22.05.2025Simoné Goldschmidt-Lechner über Nerdkultur und Fandom aus migrantisierter PerspektiveDieses Mal ist Simoné Goldschmidt-Lechner bei Dear Reader zu Gast. Simoné schreibt und übersetzt und arbeitet als interdisziplinäre Künstlerin und Autorin. Sie hat einen PHD in englischsprachiger Linguistik gemacht, bevor sie sich ganz aufs Schreiben, performen und übersetzen konzentriert hat. Sie interessiert sich für (queere) Fandoms online, Horror aus postmigrantischer Perspektive, Sprache in Videospielen und sprachlich Experimentelles, kann man online in ihrer Bio lesen. Seit 2022 ist Simoné Goldschmidt-Lechner Teil verschiedener Theater-, Performance- sowie Filmprojekte und gibt sie das Literaturmagazin process*in mit heraus. 2022 erschien der Debütroman »Messer, Zungen«, 2024 das zweisprachige Buch »Ich kann dich noch sehen (an diesen Tagen)«, Sie hat zudem u. a. »Against White Feminism« von Rafia Zakaria (2022), »Exponiert« von Olivia Sudjic (2023) und »Good Talk« von Mira Jacob (2022) übersetzt. Gerade ist ihr aktuelles Buch »Nerd Girl Magic. Fandome aus migrantischer Perspektive« im Verbrecher Verlag erschienen. Dort widmet sich Simoné Goldschmidt-Lechner “der Nerd und Geek Culture aus nicht-weißer, nicht-männlicher Perspektive.” Diskutiert werden dort “das nerdy Coming-of-Age als Potential für gesellschaftlichen Widerstand und Wandel anhand verschiedener Beispiele. Diese reichen vom Magical Girl-Genre und seiner (scheinbar) inhärenten Queerness über Gaming Culture, Videospiele und den Kampf gegen den Ausschluss von Personen, die nicht weiß, männlich und cis sind, um Pen & Paper und alternative Realitäten, Fantasy und Sci-Fi bis hin zu Pro-Wrestling sowie K-Pop und K-Drama.” Es geht ihr in diesem schönen, keinesfalls nur akademischen Text, darum, “dass Fandom schon immer von antiautoritären, widerständigen, female and non-white Strömungen durchzogen war und ist, dass Nerd Culture ein utopischer Rückzugsort für FLINTA, queere Menschen, BIPoC, neurodivergente Menschen und Arbeiter*innen sein kann.” Wer wissen will, warum Sailor Moon bestärkend und problematisch ist, was Simonés Buch mit Julia Frieses „Delulu. Der Roman“ gemeinsam hat. Warum wir für Kritik- und Lernfähigkeit sind und gegen die bildungsbürgerliche Überschätzung des gedruckten Buches sind. Warum wir Genreliteratur und andere abgewertete populäre Formen und Formate toll finden. Man sollte uns zuhören! Wir sprechen über Nerdwissen und Feminismus, darüber, wie man mit Hyperweiblichkeit das Böse besiegen kann, Moon-Power-Make-up, internalisierten Sexismus und Rassismus sowie die Faszination für Popkultur und Internetkultur. Natürlich sprechen wir auch ausführlich über die zwei mitgebrachten Lieblingstexte der Autorin Simoné Goldschmidt-Lechner. Wir sprechen über Nerdwissen und Feminismus, darüber, wie man mit Hyperweiblichkeit das Böse besiegen kann, Moon-Power-Make-Up, internalisierten Sexismus und Rassismus und die Faszniation für Popkultur und Internet Culture. Aber auch über die zwei mitgebrachten Lieblingstexte der Autorin Simoné Goldschmidt-Lechner sprechen wir natürlich ausführlich. »The Ones that Run away from Ormelas«, eine Kurzgeschichte von Ursula K. Le Guin, die 1973 zunächst in einer Anthologie veröffentlicht und heute als pdf im Internet frei zugänglich. https://ia600508.us.archive.org/13/items/the-ones-who-walk-away-from-omelas-ursula-k-leguin/The%20Ones%20Who%20Walk%20Away%20from%20Omelas%20-%20Ursula%20K%20LeGuin.pdf Auf Deutsch ist sie unter dem Titel »Die Omelas den Rücken kehren.« In einer Übersetzung von Margot Kempf. In: Wolfgang Jeschke (Hg.): Im Grenzland der Sonne 1978 erschienen Der zweite mitgebrachte Lieblingstext ist ein Lyrikband. »Don’t call us Dead« von Danez Smith, 2017 bei Graywolf Press in den USA erschienen. Danez Smith war mit diesem Text für den National Book Award nominiert, was für Lyriker eine sehr seltene Ehre ist. Viel Spaß beim Zuhören!
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Folge vom 24.04.2025Julia Friese über das Verrecken im Warteraum der ZukunftDiesmal ist Julia Friese zu Gast bei DEAR READER. Die Autorin und Kulturjournalistin hat einen tollen Text geschrieben, den sie „delulu. DER ROMAN.“ genannt hat. Der Titel mit seiner ausgeschriebenen Gattungsbezeichnung verweist schon auf die filmische Struktur des Textes. Er ist eine rasante Rückblende in die Nuller- und Zehnerjahre, eine fantastische Wasserrutschenfahrt zwischen den Jahren 1997 und 2007. Julia Friese lässt ihre Leser*innen durch den Bewusstseinsstrom einer gerade an einem Stromschlag dahingerafften Musikjournalistin fallen. Und dieser Strom führt tief in das Unterbewusstsein der westlichen Popkultur. Irgendwie unheimlich aber auch ein echter Spaß. Nach dem Debüt „MTTR“ ist „delulu. DER ROMAN.“ der zweite Roman von Julia Friese, der im Wallstein Verlag erscheint. Ausgehend vom eigenen Schreiben und den mitgebrachten Lieblingstexten geht es in dieser Folge von DEAR READER um das Reinverkleiden in bestimmte Lebensvorstellungen, Assoziationen, das Unbewusste – und um Pop als Girl. „Im Warteraum der Zukunft verrecken“, zitiert die Autorin an einer Stelle im Podcast einen gefundenen Satz. Das klingt rätselhaft und vertraut zugleich. Mascha Jacobs und Julia Friese sprechen über diesen Warteraum, über verschriftlichte Versprechungen, Elektroschocks, Träume, Basslines, Polly-Pocket-Schachteln, Begierden und Selbstbefragungen. Mitgebracht hat Julia Friese: Mark Fisher: Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Atzert. 2015 im Verlag Klaus Bittermann in der Edition Tiamat erschienen. Im Original findet ihr seine Essaysammlung unter dem Titel Ghosts of My Life. Marlene Streeruwitz: Nachkommen. 2015 bei Fischer erschienen. Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links. 2020 bei Jung & Jung veröffentlicht. (Gelesen in der Taschenbuchausgabe von btb.)
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Folge vom 28.03.2025Aria Aber über Literatur zwischen den Welten(Penguin Modern Classics) von 1956 Aria Aber, die an der NYU Lyrik studierte und 2019 mit dem Gedichtband Hard Damage reüssierte. Ihr ist ein guter Roman gelungen, der von Gewalt auf persönlicher und politischer Ebene handelt. Zwischen Männern und Frauen, zwischen Frauenfiguren, zwischen Eltern und Kindern. Rassismus und der Terror des NSU bilden den tagespolitischen Rahmen. Die Berliner Clubs und After-Hours, das Berghain heißt hier Bunker, sind der Schauplatz der Coming-of-Age-Geschichte von Nila, einer 19-jährigen Frau mit afghanisch-persischen Hintergrund. Dort trifft sie Marlowe, einen amerikanischen Schriftsteller. Er hilft ihr in die Welt der Literatur. Doch bald verlangt er viel zurück – zu viel für Nila, wie im Klappentext steht. Auch wenn diese schwierige Beziehung und das sexuelle Begehren und die damit verbundene Gewalt im Vordergrund zu stehen scheinen, geht es doch insgeheim um die Beziehungen zwischen Frauen. Mit Marlowes anderen Frauen. Freundinnen von früher, von denen man sich eigentlich verabschieden müsste. Um eine Mutter, die gestorben ist. Um den Versuch, stereotypen Frauenrollen nicht zu entsprechen. Es geht auch um Einsamkeit und wie man da rauskommt. Diesmal ist Aria Aber zu Gast bei DEAR READER. Sie lebt in New York und Vermont und war gerade drei Wochen in Deutschland, um ihr Debüt Good Girl vorzustellen. Erschienen ist die deutsche Fassung bei Ullstein. Die Übersetzung hat die Autorin selbst gemacht. Aria Aber, die an der NYU Lyrik studierte und 2019 mit dem Gedichtband Hard Damage reüssierte. Ihr ist ein guter Roman gelungen, der von Gewalt auf persönlicher und politischer Ebene handelt. Zwischen Männern und Frauen, zwischen Frauenfiguren, zwischen Eltern und Kindern. Rassismus und der Terror des NSU bilden den tagespolitischen Rahmen. Die Berliner Clubs und After-Hours, das Berghain heißt hier Bunker, sind der Schauplatz der Coming-of-Age-Geschichte von Nila, einer 19-jährigen Frau mit afghanisch-persischen Hintergrund. Dort trifft sie Marlowe, einen amerikanischen Schriftsteller. Er hilft ihr in die Welt der Literatur. Doch bald verlangt er viel zurück – zu viel für Nila, wie im Klappentext steht. Auch wenn diese schwierige Beziehung und das sexuelle Begehren und die damit verbundene Gewalt im Vordergrund zu stehen scheinen, geht es doch insgeheim um die Beziehungen zwischen Frauen. Mit Marlowes anderen Frauen. Freundinnen von früher, von denen man sich eigentlich verabschieden müsste. Um eine Mutter, die gestorben ist. Um den Versuch, stereotypen Frauenrollen nicht zu entsprechen. Es geht auch um Einsamkeit und wie man da rauskommt. Mascha Jacobs spricht mit Aria Aber über Selbstbewusstsein, Mentor*innen, Selbstzerstörung, Gewalt, Poesie, Kafka und die Lieblingstexte von Aria Aber: Giovannis Room von James Baldwin (Penguin Modern Classics) von 1956 und The Leaving von Brigit Pegeen Kelly (https://poets.org/poem/leaving) In dieser Folge reden die beiden neben den mitgebrachten Lieblingstexte von Aria Aber auch über Annie Erneaux, Jean Rhys, Megan O’Rourke, Catherine Barnett, Ocean Vong, Solmaz Sharif, DMZ Colony von Don Mee Choi, C.D. Wight Silvia Plath, Hugo von Hofmannsthal, Rilke, Kafka, Anna Karenina, Annie Erneaux, die Bibel, Walt Whitman, Leonard Cohen, Joni Mitchell. Über „Giovannis Room“ von James Baldwin hat Mascha schon mal mit Daniel Schreiber gesprochen: https://detektor.fm/kultur/dear-reader-daniel-schreiber-ueber-die-funktion-von-literatur Über DMZ Colony hat sie bereits mit Enis Maci nachgedacht: https://dearreader.podigee.io/73-enis-maci-uber-gemeinsame-obsessionen-und-kollaborative-literatur Maschas englischsprachiger Lieblingspodcast, in dem Aria Aber auch schon zu Besuch war, heißt „Between the Covers“ https://open.spotify.com/episode/6e61Ik8ajOI6Xu3Yfib4SK?si=a9920b70d39b423f