
Kultur & Gesellschaft
Mit der Schreibmaschine die Welt retten
In der zeitgenössischen Literatur ist die politische Dimension wichtiger als je zuvor. Autonomie gilt nicht mehr als erstrebenswert, sondern wer spricht, ist entscheidend. Die gesellschaftspolitische Relevanz der neuen Schreibweisen eröffnet neue ästhetische Erfahrungen und kann die Welt verbessern.
Das Verhältnis von Literatur und Politik war bei Autoren wie Bertolt Brecht, Anna Seghers oder Günter Grass relativ einfach zu durchschauen. Doch seit Émile Zolas berühmtem "J'accuse" haben sich politisch und literarisch engagierte Intellektuelle in Texten und öffentlichen Statements zu Wort gemeldet. Sie haben Anklage erhoben und wollten die Welt verbessern.
Die großen engagierten Nachkriegsautoren sahen Autonomie als veraltetes Luxusgut an. Die heutige weltfremde, verträumte Fiktion mag auf den ersten Blick in einer ähnlichen Krise zu stecken. In den letzten Jahren haben zahlreiche deutschsprachige Romane die Lebenswirklichkeit von Diskriminierten, Marginalisierten und Randgruppen zum Thema gemacht. So wurde die gesellschaftspolitische Relevanz der Gegenwartsliteratur an vielen Orten bestätigt.
Doch ist bei den neuen politischen Schreibweisen nicht zuvorderst entscheidend, was erzählt wird, sondern: wer spricht. Damit wird nicht die Autonomie zurückgebracht, eröffnet aber neue Möglichkeiten zur ästhetischen Erfahrung – und macht damit mitunter sogar die Welt ein kleines Stück besser.
Miriam Zeh ist Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin und arbeitet in der Buchredaktion des Deutschlandfunks.
Mit der Schreibmaschine die Welt retten im Überblick
| Sendezeit | So, 08.10.2023 | 09:30 - 10:00 Uhr |
| Sendung | Deutschlandfunk "Essay und Diskurs" |