NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
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Folge vom 03.09.2024Die Türkei schafft das Kalifat abSeit dem 29. Oktober 1923 amtierte Mustafa Kemal, den wir heute vor allem unter seinem Ehrennamen Atatürk kennen, als erster Präsident der Türkei, und spätestens seit diesem Tag war die Umwandlung des alten Osmanischen Reiches zu einem modernen türkischen Nationalstaat unter seiner Federführung in vollem Gange. Einer der wichtigsten alten Zöpfe, die es dafür abzuschneiden galt, war die Einrichtung des Kalifats, und von diesem Vorhaben handelt ein Artikel des deutschen Orientalisten Hellmut Ritter im Hamburgischen Correspondenten vom 3. September 1924. Ritter war seinerzeit Professor an der eben gegründeten Universität Hamburg. Nachdem er 1925 wegen § 175 zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden war, wirkte er seit 1926 zunächst für die Deutsche Morgenländische Gesellschaft in Istanbul, seit 1935 auch als Professor an der dortigen Universität; bis er, erklärter Gegner des NS-Regimes, 1949 nach Deutschland zurückkehrte und eine Professur in Frankfurt am Main annahm. An die Wurzeln des türkischen Laizismus folgt ihm für uns Frank Riede.
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Folge vom 02.09.2024Die Hamburger Bürgerschaftswahl wirft ihre Schatten vorausVerglichen mit anderen Kommunen und Regionen in Deutschland verfügt die Freie und Hansestadt Hamburg über eine relativ lange und reiche Geschichte demokratischer Traditionen, die bis in bürgerlich-hanseatische Selbstverwaltungsformen des Mittelalters zurückreichen. Eine Bürgerschaft wählten männliche und steuerzahlende Hamburger seit 1859, das Klassenwahlrecht wurde indes auch hier erst mit Beginn der Weimarer Republik überwunden. Nach 1919 und 1921 kam es am 26. Oktober 1924 schon zum dritten Mal zu freien und geheimen Bürgerschaftswahlen, die in einem Artikel des Hamburger Fremdenblattes vom 2. September bereits ihren Schatten vorauswerfen. Thema hierin ist zum einen ein geplanter Schulterschluss der bürgerlichen Parteien gegen die SPD. Zum anderen geht es um Pläne verschiedener Gewerbeverbände, eventuell mit eigenen Sonderlisten an den Wahlen teilzunehmen. Die Details kennt Frank Riede.
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Folge vom 01.09.2024Ohne Franken gegen SchwedenDortmund gegen Schalke, Gladbach gegen Köln, St. Pauli gegen den HSV – Lokalrivalitäten wurden und werden im Fußball von jeher eifrig gepflegt. Dass die Spieler konkurrierender Nachbarn deswegen in der Nationalmannschaft nicht gemeinsam auflaufen wollten, kam indes selbst in Zeiten, da die Bindung an den Heimatverein noch stärker als heute ausgeprägt war, eher selten vor. So geschehen jedoch am 31. August 1924, als die Kicker der fränkischen Spitzenclubs aus Nürnberg und Fürth einander boykottierten und der DFB vornehmlich mit Hamburgern und Berlinern, darunter sechs Debütanten, gegen Schweden antreten musste. Es kam, wie es kommen musste: Man unterlag daheim im Deutschen Stadion zu Berlin mit 1:4. Der Reporter des Hamburger Anzeigers zeigte sich in seinem Spielbericht am 1. September bedient – vielleicht aus lokalpatriotischen Gründen weniger von den Hamburger Vertretern um HSV-Star Tull Harder als von den Akteuren von Hertha BSC oder Tennis Borussia. Die Sportredakteurin von Auf den Tag genau heißt Rosa Leu.
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Folge vom 31.08.2024Kulturkampf um den BubikopfDer Bubikopf – er war, je nach gesellschaftlicher Gruppe, vor einhundert Jahren vielleicht ein wenig das, was heute die Gendersprache ist: Akt der Emanzipation, Untergang des Abendlandes, heißumkämpftes Terrain im Kulturkampf. Auch der sich hinter dem etwas prätentiösen Pseudonym I.C.H. verbergende, mutmaßlich männliche Autor vermag sich im Hamburger Fremdenblatt vom 31. August 1924 nicht von einigen klischeehaften Vorbehalten und mitunter derben Sexismen zu lösen, versucht die Sache aber insgesamt zumindest mit Ironie zu betrachten. Warum ausgerechnet der moderne Kurzhaarschnitt dem liebevollen Kuss in den Nacken im Weg stand und weshalb der Bubikopf angeblich nicht zum feuchten Hamburger Klima passte, erfahren wir von Rosa Leu – oder auch nicht.