NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 22.04.2022All-Inclusive in der SaharaDie Tourismusbranche feiert seit Jahrzehnten – besonders in nordafrikanischen Staaten – riesige Erfolge mit abgeschotteten Urlaubsressorts, in denen die Touristen aus der sog. Ersten Welt sich gemütlich an all-inclusive Buffets mit oftmals aus ihrer Heimat importierten Speisen und Getränken sattessen, ihren eigenen Badestrand haben und Konversation mit anderen Pauschaltouristen betreiben, um hin und wieder eine vom Ressort organisierte Reise auf Kamelen durch die Wüste, oder zu archäologischen Sehenswürdigkeiten zu unternehmen. Davon sind wir 1922 noch weit entfernt. Und dennoch lassen sich Anklänge daran im Bericht des 8Uhr-Abendblattes vom 22. April finden, in dem die Sahara-Oasen als neues Touristenziel vorgestellt werden. Paula Leu schlürft für uns den Champagner in der Wüste.
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Folge vom 21.04.2022Alfred Polgar braucht keine Bibliothek„Der leise Meister“ heißt ein Aufsatz, den Marcel Reich-Ranicki einst Alfred Polgar widmete, und tatsächlich ist ein größerer, eleganterer Virtuose der beiläufigen Beobachtung schwerlich denkbar. Polgar braucht weder einen aufregenden Anlass, noch einen spektakulären Gegenstand, noch eine große Form, um literarisch zu eben solcher, nämlich zu großer Form aufzulaufen. Vielmehr entdeckt er das Wesen der menschlichen Welt noch in deren alltäglichsten Erscheinungen. Wer diese Gabe besitzt, braucht wahrscheinlich wirklich keine fette Bibliothek, denn echte Weisheit passt, wie Polgars nachfolgende Überlegungen zur Bibliothek einmal mehr belegen, auch und vielleicht ausschließlich in wenige Zeilen. Abgedruckt hat diese das Berliner Tageblatt vom 21. April 1922, gelesen für uns Frank Riede.
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Folge vom 20.04.2022Keynes reagiert auf RapalloDer britische Ökonom John Maynard Keynes erfreute sich in der deutschen Zeitungslandschaft 1922 einer gewissen Beliebtheit, da er sich deutlich für eine Revision der Reparationsforderungen einsetzte, er den Weg einer langfristigen wirtschaftlichen Schwächung Deutschlands für unsinnig hielt. Während in den Pariser und Londoner Blättern die Empörung über den deutsch-russischen Vertrag von Rapallo hochkochte, französische Politiker laut darüber nachdachten, die Konferenz von Genua platzen zu lassen, meldete sich Keynes mit einem deutlich sachlicheren Blick auf die Ereignisse zu Wort. Das Berliner Tageblatt druckte seine Einschätzung am 20.4. ab mit einer redaktionellen Vorbemerkung, die sich von der dann doch in dem Artikel geäußerten Kritik am Vorgehen Deutschlands, distanziert. Uns lässt Paula Leu an den Ansichten von Keynes teilhaben.
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Folge vom 19.04.2022Eindrücke aus HellerauHellerau – der Name des beschaulichen Fleckens an der Peripherie Dresdens gilt bis heute als Synonym für die moderne Idee einer Synthese von Kunst und Leben. Zentrale Keimzelle der 1909 im Geiste der Lebensreform gegründeten Gartenstadt war dabei die sogenannte „Bildungsanstalt für Rhythmische Gymnastik“, die der Schweizer Musikpädagoge Émile Jaques-Dalcroze 1911 im heutigen Hellerauer Festspielhaus ins Leben gerufen hatte. Jaques-Dalcroze hatte Hellerau im Zuge des Ersten Weltkriegs bereits wieder verlassen und war auch danach nicht wieder zurückgekehrt. Sein Projekt blühte und gedieh jedoch auch in absentia ihres Erfinders – jedenfalls wenn man einem Bericht des Berliner Börsen-Couriers vom 19. April 1922 Glauben schenken darf. Dessen Autorin Gisella Selden-Goth war selbst eine bedeutende Komponistin und Musikschriftstellerin, die nach ihrer Flucht vor den Nazis u.a. in New York für die Exilzeitung Aufbau schrieb und nach der Befreiung wieder in ihre Wahlheimat Florenz zurückkehrte. Mit ihr in die Straßenbahn nach dem Dresdner Norden begibt sich für uns Frank Riede.