NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 06.12.2020Der Lokomotivführer als VorbildDer Kunstkritiker und Publizist Karl Scheffler ist bis heute v.a. für sein pointiertes Diktum bekannt, wonach Berlin als Stadt dazu verdammt sei, „immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Die ‚Großstadt’ beschäftigte ihn zudem als Phänomen und Ausdruck der Moderne überhaupt. Dabei wurden ihm auch scheinbar nebensächliche Beobachtungen Ausgangspunkt der Reflexion auf die frühe Industriegesellschaft. So auch in seiner am 6. Dezember 1920 in der Vossischen Zeitung veröffentlichten Meditation über den Lokführer, in der sich ein beinah futuristischer Ton der Glorifizierung des ‚Mannes auf der Maschine‘ mit einem konservativ-patriarchalen Duktus auf eigenwillige Weise verbindet. Es liest Frank Riede.
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Folge vom 05.12.2020Meier-Graefe: Italienische ReiseJulius Meier-Graefe zählte zu den bedeutendsten Kunsthistorikern seiner Zeit und galt in Deutschland vor allem als intimer Kenner des französischen Impressionismus. Als stetiger Grenzgänger zwischen Berlin und Paris litt er in besonderem Maße unter den auch zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs noch immer allgegenwärtigen deutsch-französischen Spannungen. Umso angenehmer überrascht ist er von der positiven Stimmung, die ihm zum Vergleich bei seiner ersten Nachkriegsreise nach Italien entgegenschlägt. Sein Bericht aus Venedig, Florenz und Rom im Berliner Tageblatt vom 5. Dezember 1920 fällt entsprechend ausgelassen aus. Getrübt wird seine Freude allenfalls ein wenig durch das neuerrichtete Riesenmonument für König Vittorio Emanuele II. (im römischen Volksmund bald ‘die Schreibmaschine‘ genannt), das tatsächlich noch heute, wie von Meier-Graefe prognostiziert, in brachialem, zu keiner Patina fähigem Weiß über der Piazza Venezia thront. Es liest Paula Leu.
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Folge vom 04.12.2020Flüchtlingsstrom über das MeerIm russischen Bürgerkrieg zeichnete sich im November 1920 ein endgültiger Sieg der Bolschewiken über die Weiße Garde ab. Die Armee unter der Führung von Pjotr Wrangel, die im Süden Russlands und auf der Krim einen unabhängigen „weißen Staat“ zu gründen versuchte, wurde entscheidend geschlagen. Daraufhin kam es auf der Krim zu brutalen Strafaktionen gegen die Weißgardisten. Zahlreiche Zivilisten und Soldaten flüchteten, teils auf kaum seetüchtigen überfüllten Booten, über das Schwarze Meer nach Konstantinopel. Die dortigen Behörden waren von der schieren Menge an Flüchtlingen überfordert und die Heimatlosen landeten in Flüchtlingslagern. Dieser menschlichen Tragödie widmet sich am 4. Dezember das Berliner Tageblatt. Der für uns von Frank Riede gelesene Text ist von erschütternder Aktualität.
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Folge vom 03.12.2020Obdachlos in BerlinZwei Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges amüsieren sich die Gutversorgten und Reichbepelzten schon wieder in den Cafes und in den Bars Berlins. Doch während einige das Nachtleben genießen, drängen sich die vielen Mittel- und Obdachlosen vor den Notübernachtungen. Dass auch von den Glücklichen, die einen Schlafplatz ergattern, statt Gemeinschaft nur der eigene Vorteil gesucht wird, gibt dem kurzen Bericht aus der Berliner Volkszeitung vom 3.12.1920 einen desillusioniert-hoffnungslosen Unterton. Es liest Frank Riede.