NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
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Folge vom 29.11.2020Ick berlinere ja bloß, wenn ick sprecheIn ganz Deutschland ist das Berlinerische, verknüpft mit der dazu gehörigen sogenannten „Berliner Schnauze“, eine Marke, auf die nach Belieben über wenige Ausdrücke und grammatikalische Besonderheiten angespielt werden kann. Doch wo sind die echten Berliner, die diesen Dialekt tatsächlich sprechen? Gibt es sie noch? Vor einhundert Jahren genoß das Berlinerische keine große Wertschätzung, wurde als fehlerhaftes Deutsch betrachtet und man trieb es den Schülerinnen und Schülern im Unterricht aus. In der BZ am Mittag vom 29. November brach Erdmann Gräser eine Lanze für diesen Dialekt (bei dem es sich übrigens sprachlich streng genommen um einen ‘Metrolekt’ handelt) und dessen Konservierung. Dabei nahm er allerdings auch einen heutigen Eindruck vorweg: Kaum jemand spricht es wirklich und es berlinern hauptsächlich nur die, die nicht berlinern können. Für uns liest heute die gebürtige Berlinerin Paula Leu.
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Folge vom 28.11.2020Knut Hamsun zum NobelpreisIn seiner Heimat Norwegen weckt Knut Hamsun bis heute, über 70 Jahre nach seinem Tod, zwiespältige Gefühle. Einerseits gilt er unbestritten als wichtigster norwegischer Beitrag zur Literatur der Moderne. Andererseits wird diese künstlerische Bedeutung massiv überschattet durch Hamsuns glühende Bewunderung für Adolf Hitler und den Nationalsozialismus, die ihn während der Zeit der Besatzung zum berühmtesten und vielleicht überzeugtesten Kollaborateur in Norwegen werden ließ. Hamsuns Sympathien für Deutschland reichen historisch indes deutlich weiter, nämlich bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück und korrespondieren mit einer intellektuellen Wertschätzung, die ihm vor allem hier früh zu Teil wurde. Als Hamsun 1920, insbesondere für seinen Roman Segen der Erde, mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, nahm man davon in seinem Sehnsuchtsland gleichwohl nur wenig Notiz. Ausführlichere Würdigungen sucht man in der Hauptstadtpresse jedenfalls weithin vergeblich. Das Berliner Tageblatt vom 28. November druckte aus diesem Anlass immerhin ein Gedicht aus seinem Zyklus Fiebergedichte ab. Es liest Frank Riede.
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Folge vom 27.11.2020Die Frau in der RepublikWenn Donald Trump tatsächlich am 20. Januar 2021 von Joe Biden im Amt des Präsidenten der USA abgelöst wird, haben die Wählerinnen daran einen wesentlichen Anteil, da sie mit ihren Stimmen eine von der Mehrzahl der männlichen Wähler gewünschte zweite Amtszeit Trumps verhindert haben werden. Am 27. November 1920 reflektiert ein Autor in der Berliner Volks-Zeitung die wichtige Rolle und kommende Stärke der Frauen im politischen Geschehen der Weimarer Republik. Endlich von ihrer Unterdrückung im Kaiserreich befreit, schlummert in ihnen ein enormes Potential. Der zweifelsfrei richtige Impuls kommt dennoch nicht ohne einen paternalistischen Blick auf ihre Bildungsdefizite und die Reduktion der Frauen auf ihr „mütterlich-emotionales“ Wesen aus. Für uns liest Paula Leu.
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Folge vom 26.11.2020Gemeinsam einsam beim IndividualistenkongressExistenzialistenkeller – was in der Wirtschaftswunderrepublik bis in die Flowerpower 70er hinein Abscheu unter den Bewohnern der aus dem Boden schießenden Neubauviertel auslöste, hat es auf seine Weise auch schon früher gegeben. In der Morgenpost vom 26.11.1920 lässt der Berliner Autor Erdmann Gräser Szenen seiner Studentenzeit wieder lebendig werden. Bei heißem Tee mit Rum diskutierte man Max Stirner. Und zwischen dicken Schwaden Tabaksqualm beschwor man die Zurückgeworfenheit des Menschen auf sich selbst. Das Jünglingspathos ist dem mittlerweile 50Jährigen etwas verloren gegangen; seinen Bericht vom „1. europäischen Individualistenkongress“ in Berlin schreibt Gräser jedenfalls mit einem deutlich ironischen Unterton. Es liest Frank Riede.