Früher hieß es, in Hannover reden sie das reinste Hochdeutsch ohne jeden Akzent. Wie eine Studie der Universität Hannover zeigt, empfinden das auch die meisten Menschen außerhalb Hannovers so. Wie kommen die eigentlich auf Hannover?
Hochdeutsch? Eigentlich müsste es Standarddeutsch heißen oder so etwas in der Art, denn Hochdeutsch ist sprachwissenschaftlich anders belegt. Ursprünglich gab es bei den Mundarten die nieder- und die hochdeutschen. Die niederdeutschen wurden im nördlichen Teil Deutschlands gesprochen und die im südlichen Teil, das waren die hochdeutschen.
Dann wäre Bayerisch Hochdeutsch.
In gewisser Hinsicht ja. Unsere Sprachnorm hat verschiedene Facetten. Eine, die wir schreiben und eine, die wir sprechen. Erstere geht wesentlich auf die lutherische Bibelübersetzung zurück - den absoluten Bestseller zu Beginn des Buchdrucks. Die ist in den hochdeutschen Mundarten verwurzelt. In denen, die im Kurfürstentum Sachsen gesprochen wurden, zu dem Luthers Wittenberg damals gehörte. Die Schriftsprache des Kanzleisächsischen. Also kommt die schriftliche Sprachnorm tatsächlich aus dem Hochdeutschen, wohingegen sich die Aussprachenorm späterhin weiter nördlich orientiert hat.
Warum?
Anscheinend liegt die Wurzel dieser Sprechvereinheitlichung beim Theater. Früher waren ja viele Schauspieler Wandernde, und wenn die von einer Mundartgegend in eine andere zogen, mussten sie verstanden werden.
Aber wie kam man auf den Raum Hannover?
Welchen Anspruch stellt man an eine Standardsprache? Dass sie möglichst nah am Schriftbild ausgesprochen ist. Möglichst wenig verschluckte Silben.
Könnte man sagen, dass man in Hannover das deutsche Oxford-Englisch spricht?
Nicht so ganz. Das Theater war damals nicht unbedingt ein Ding der Oberklasse. Oxford und Cambridge dagegen schon. Wer da studiert hat, trägt das weiter. Aber durchsetzen konnte sich die perfekte Aussprache erst mit Rundfunk und Fernsehen. Erst damit konnte man wirklich flächendeckend hören, wie die da oben sprechen.
Wo sie auch akzentfrei reden, ist an Westberliner Gymnasien.
So? Die wollen wohl nicht so klingen wie der Pöbel, klar. Kann ich nicht beurteilen. Diese spezielle Oberschicht-Unterschicht-Nummer spielte bei uns im Osten keine Rolle, denn das Funktionärswesen funktionierte einfach anders. Um auf das Schriftbild zurückzukommen: Mark Twain meinte, das einzige Gute an dieser »schrecklichen« deutschen Sprache sei, dass man die Wörter fast immer so spricht, wie man sie schreibt. Damit kann er tatsächlich nur das Standarddeutsch oder, wie es gemeinhin heißt, Hochdeutsch gemeint haben.

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Folgen von Dr. Schmidt erklärt die Welt
111 Folgen
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Folge vom 17.04.2021Spricht man in Hannover Hochdeutsch?
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Folge vom 10.04.2021Warum ist kein Blei im Bleistift?Leider haben wir vergessen, den Internationalen Tag des Bleistifts zu feiern. Der war am 30. März. Benutzt du noch Bleistifte? Muss man ja, hin und wieder. Wenn man Löcher in die Wand bohren will, ist es sinnvoll, dies mit einem Bleistift an der Wand zu markieren. Aber warum kein Kuli? Bleistift kannst du abradieren. Stifte, mit denen man zeichnen konnte, gibt es schon länger. Leo-nardo und Dürer haben mit einem Silberstift skizziert. Da war, anders als beim Bleistift, tatsächlich ein Silberdraht drin. Aber das ist nicht ganz die billige Methode. Heißt das, im Bleistift ist kein Blei? Kein bisschen. Der Bleistift basiert im Wesentlichen auf Graphit, also Kohlenstoff. Weil der grau war, haben es Leute als Blei bezeichnet. Gäbe es nicht schon Kohlestifte, sollten Bleistifte besser Kohlestifte heißen. Wie kommt Graphit in den Bleistift? Im 15. Jahrhundert wurden in England Graphitvorkommen entdeckt. Dann kam jemand darauf, kleine Stückchen in Papier einzuwickeln und zum Zeichnen zu nehmen. Ein Handwerker fand es noch besser, das Graphit rund zu machen und in Holz einzukleiden. Was ist mit dem Radiergummi? Der kam später. 1858 gab es ein amerikanisches Patent für den Bleistift mit dem Radiergummi. Das reine Graphit ließ sich sogar mit Brot wegradieren. Aber das Beste am Bleistift ist doch nicht das Radieren, sondern das Anspitzenkönnen? Man darf die Dinger nur nicht runterschmeißen, denn dann bricht innen die Mine, und du hast beim Anspitzen nur Gebröckel. Die Mine ist recht spröde, denn das Graphit im Bleistift ist mit Ton vermischt. Warum? Weil bei einem der vielen englisch-französischen Kriege offenbar den Franzosen die Bleistifte ausgingen. Die bekamen das Graphit damals vor allem aus England. Und da hatte dann jemand die geniale Idee, den raren Rohstoff zu strecken, indem man Ton untermischt. Die heutigen Bleistifte basieren alle auf dieser Rezeptur. Ihre Härtegrade hängen im Wesentlichen davon ab, wie viel von dieser Tonbeimischung in der Mine steckt. Je mehr davon, desto härter sind sie. Man sollte nur nicht an den Stiften rumkauen, dann blättert der Lack ab - unangenehm. Und das Holz wird feucht. So war das bei mir in der Schule. Ich erinnere mich auch an so einen Geschmack. Das ist der Lack. Der war in seiner chemischen Zusammensetzung wahrscheinlich wesentlich unerfreulicher als der ganze Rest vom Stift. Obwohl die Lackzusammensetzung heute sicher auch bekömmlicher sein wird.
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Folge vom 03.04.2021Wann besiegen uns die Computer?Die Computer werden immer flotter. Forscher von IBM haben ein Programm konstruiert, das mit Menschen erfolgreich debattieren kann. Was hältst du davon? Dass Computer Berge von Informationen händeln können, ist überhaupt kein Ding. Aber dass sie in der Fülle von Sätzen und Fakten tatsächlich Argumente erkennen und diese sinnvoll in eine Debatte einbringen können, das ist schon etwas Neues. Die Menschen werden schon eine ganze Weile von Computern besiegt, erst im Schach, im Go-Spiel, beim Rätseln in der Quizshow »Jeopardy!«, selbst beim Poker und jetzt auch im Argumentieren. Ganz so weit sind sie noch nicht. Es gab drei Debatten, in denen der Computer gegen Menschen antrat. Er hat nur eine gewonnen, eine hat er verloren und eine endete unentschieden. Vielleicht war er rhetorisch noch nicht gut genug. Ja, da kommt Technik noch an Grenzen. Bei einer Debatte auf einem Podium kommt es ja doch sehr darauf an, wie man sich präsentiert. Es gibt Leute, die können im Brustton der Überzeugung den größten Quark erzählen und du glaubst es ihnen. Und hinterher ist dann April, April. Ich bin mir nicht sicher, ob so ein Computer ohne Weiteres einen Aprilscherz hinkriegen würde. Inzwischen spielen sogar Schachprogramme gegeneinander. Ja, aber Schach ist eine vergleichsweise übersichtliche Angelegenheit, durchweg von Regeln bestimmt, die bekannt sind. Das ist bei einer Debatte schon etwas anderes, zumal man die oftmals sogar leichter gewinnt, wenn man gezielt die ein oder andere Regel ignoriert. Und es gibt noch ein Problem. Welches? Künstliche Intelligenz ist eine Kiste, die irgendwo in der Ecke steht und auf Datenbanken zugreift, aber ihr fehlt etwas, das die menschliche Intelligenz kann: die unmittelbare und erfahrbare Wirklichkeit da draußen verändern. Wir können mit unseren Händen Dinge herstellen, wir können irgendwo hingehen und Neues erkennen. Das muss dem Computer auf andere Weise zugänglich gemacht werden - von Menschen. Deshalb wird es mit der künstlichen Intelligenz frühestens dann etwas, wenn es humanoide Roboter gibt, deren Rechnerleistung hinreichend groß ist, um das zu leisten. Also haben wir noch ein bisschen Zeit, bevor wir abgeschafft werden. Ganz sicher. Wir sollten uns vielleicht überlegen, wie wir diese Welt gerne haben wollen. Wenn allerdings viele Leute sich darüber nicht einig sind und einige davon Macht und Geld haben, um solche Werkzeuge zu benutzen, dann wird man früher oder später noch mehr fremdbeherrscht sein, als man es heute schon ist.