NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
-
Folge vom 27.04.2021Blütenfest in WerderBei der Textauswahl für unseren Podcast sind wir immer wieder mit rassistischem Vokabular und höchstproblematischen Ausdrucksweisen konfrontiert. Manchmal lässt sich das Problem durch sogenannte „trigger warnings“ rahmen, oft fallen eigentlich interessante Artikel aber deshalb auch unter den Tisch. Ist Rassismus Teil der chauvinistischen Grundeinstellung einer Zeitung, so wird diesen prinzipiell kein Forum geboten. Der heutige Text über das Blütenfest in Werder stammt aus dem diesbezüglich eher unverdächtigen Vorwärts. Dass auch der eigentlich schöne Bericht über einen Regenausflug an die Havel mehrfach und ganz selbstverständlich aggressiv chauvinistische Formulierungen verwendet, zeigt, wie tief verwurzelt das rassistische Weltbild in der Gesellschaft Anfang der 1920er Jahre war. So haben wir uns entschieden, den Artikel auch in dieser Hinsicht als ‘Zeitzeugen’ trotzdem zu senden. Gelesen von Frank Riede.
-
Folge vom 26.04.2021Volksabstimmung in Nordtirol: Grenzkontrollen ade?Tirol wurde nach dem Ersten Weltkrieg faktisch geteilt, indem Italien 1920 den südlichen Teil unter Duldung der Alliierten annektierte. Nord- und Ost-Tirol gehörten zur österreichischen Republik. In einem eigenmächtig ins Leben gerufenen Plebiszit preschte im Chor derjenigen Stimmen, die einen “Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich forderten, das “österreichische” Tirol vor. Mit großer Mehrheit stimmte am 24. April die Tiroler Bevölkerung dafür - letztendlich blieben aber der Norden und Osten Tirols bei Österreich. Für Reisende muss 1921 eine Fahrt entlang der Grenzen aufreibend gewesen sein, da sie immer wieder auch auf kurzen Strecken mehrfach die Grenze zwischen Deutschland und Tirol überquerten, mit allen damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Der Vorwärts sieht am 26. April in einem humoristischen Feuilleton Licht am Ende des Zoll-Tunnels dank des Abstimmungsergebnisses. Paula Leu liest.
-
Folge vom 25.04.2021Große Namen und ihre VermarktungStarkult im Sport ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts sicher ausgeprägter als vor hundert Jahren. Und doch gab es auch damals schon die Tendenz, Menschen, von denen man nicht wirklich mehr als ihren Namen kannte, zuzujubeln und zu feiern. Warum? Was Jack Dempsey eigentlich zum großen Boxer, Emanuel Lasker zum Schachweltmeister macht, das konnten auch im Jahre 1921 nur die wenigsten beurteilen. Von der Leistung in allen Klatschblättern präsenter Filmsternchen und Aktricen ganz zu schweigen. Es geht dabei eben gar nicht um die Person, sondern allein um ihren Namen, ist der Vorwärts vom 25.4. überzeugt. Gelesen von Frank Riede.
-
Folge vom 24.04.2021Zarathustra an der SpreeDie 1920er Jahre waren bekanntermaßen ein Jahrzehnt ausgeprägter weltanschaulicher Sinnsuche und Ausdifferenzierung. Gerade in Berlin schossen religiöse, politische, esoterische Sekten nach der Revolution wie Pilze aus dem Boden und experimentierten mit neuen Ideen und Lebensformen. Zu den schillerndsten seinerzeitigen Gurus gehörte der 1880 in Weißensee geborene Arzt Joseph Heinrich Goldberg – auch bekannt unter seinem Pseudonym Filareto Kavernido. Vor dem Weltkrieg mehrfach wegen Verstößen gegen den Abtreibungsparagraphen mit der wilhelminischen Justiz in Konflikt geraten, zog es ihn später u.a. in die Schweiz, nach Frankreich und in die Karibik, wo er 1933 unter ungeklärten Umständen in der Dominikanischen Republik ums Leben kam. Zwischendurch hatte er in Berlin im Namen Platons und Nietzsches eine anarcho-kommunistische Kommune gegründet, mit der er 1921 nach Spreenhagen vor den Toren Berlins ausgezogen war, um dort in Sandhöhlen Zarathustra zu huldigen. Nicht nur die ansässigen Dörfler, sondern auch die hauptstädtische Presse nahm regen Anteil am teilweise buchstäblich nackten Treiben der Kommunarden. So begab sich im Auftrag der Vossischen Zeitung am 24. April auch der große Paul Schlesinger alias Sling ins Spreeland auf Höhlenexpedition - für uns begleitet von Frank Riede.