NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 20.08.2022Thomas Mann: “National und International”Der deutsche Nobelpreisträger Thomas Mann ist bekanntlich nicht als Republikaner auf die Welt gekommen, sondern entwickelte sich zu einem solchen erst zu einem durchaus schon fortgeschrittenen Zeitpunkt seines Lebens im Laufe der Weimarer Jahre. Ein Schlüsselerlebnis auf diesem Weg weg vom antidemokratischen Nationalkonservativismus, den er noch 1918 in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ ausgebreitet hatte, markierte angeblich die Ermordung Walther Rathenaus im Juni 1922, und tatsächlich entstanden in der Folge mehrere Artikel, in denen sich die kopernikanische Wende in der politischen Biographie Manns abzuzeichnen beginnt. Als Schlüsseltext genannt wird hier gewöhnlich seine Laudatio anlässlich von Gerhard Hauptmanns 60. Geburtstag „Von deutscher Republik“ vom 13. Oktober 1922. Aber auch schon sein Essay „National und international“, den die Vossische Zeitung am 20. September abdruckte, deutet an, das sich Thomas Mann im nationalen Lager ohne Dialektik nicht mehr recht wohlfühlte. Wegen seiner historischen Bedeutung in voller Länge liest diesen Text: Frank Riede.
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Folge vom 19.08.2022Berliner KochkünsteDie Geschichte von der kulinarischen Wüste Berlin, die sich binnen kurze Zeit zu einem internationalen Gourmet-Dorado entwickelt habe, ist von Gastrokritikern tausendfach erzählt worden – interessanterweise auch schon vor einhundert Jahren. Der Autor Franz Carl Mack bemüht in seiner Bestandsaufnahme der „Berliner Kochkünste“ in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 19. August 1922 das wohlvertraute Narrativ. Verwechslungsgefahr mit aktuellen Restaurantführern besteht dennoch nicht, denn zu offensichtlich unterscheidet sich seine Speiseliste von den heutigen Trends der Großstadtküche. Manches, was hier an Gerichten genannt wird, riecht arg nach alter biederer Hausmannskost; vieles klingt in unseren Ohren aber auch so überraschend fremd und abgefahren, dass der Artikel nachgerade nach Pop-Up-Restaurants im Retrostil der 20er Jahre als neuem heißen Scheiß am Berliner Gastrohimmel schreien. Wer sich diesbezüglich inspirieren lassen möchte, lausche Paula Leu.
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Folge vom 18.08.2022Kampen auf SyltDer teuerste Immobilienmarkt Deutschlands liegt weder in Berlin oder München, noch in Frankfurt oder Hamburg, sondern schon seit vielen Jahren in Kampen auf Sylt, wo der Quadratmeterpreis im berühmten Hobokenweg mittlerweile bei schwindelerregenden 35.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche angekommen ist. Diese Entwicklung war 1922 noch nicht vorhersehbar. Als beliebtes Sommerdomizil der Reichen und Schönen, erfahren wir aus dem Berliner Börsen-Courier vom 18. August, fungierte der Ort aber auch schon vor Jahrhundertfrist. Gisella Selden-Goth, eigentlich Musikschriftstellerin und Komponistin, hat dem von ihr ausgemachten Sylt-Hype nachgespürt, scheint von der nordischen Schönheit der Insel dabei aber noch nicht vollständig eingenommen zu sein. Für uns mit ihr mitgereist ist Frank Riede.
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Folge vom 17.08.2022Das Salzburger große WelttheaterAuch im dritten Jahr von Auf den Tag genau darf ein sommerlicher Blick nach Salzburg natürlich nicht fehlen. Die dortigen Festspiele gingen 1922 bereits in ihr drittes Jahr und lockten die großstädtische Musik- und Theaterkritik in die barocke Erzbischofsstadt zwischen Mönchs- und Kapuzinerberg. Das Hauptaugenmerk galt heuer vor allem dem „Salzburger großen Welttheater“, das Festspielmitbegründer Hugo von Hofmannsthal inspiriert vom berühmten gleichnamigen Mysterienspiel Calderón de la Barcas in die barocke Kollegienkirche übersetzt hatte. Vom pseudo-religiösen Anliegen zeigt sich der avantgardegeprägte Rezensent Kurt Pinthus im 8-Uhr-Abendblatt vom 17. August recht wenig erbaut. Als Theater in der Kirche weiß er Hofmannsthals moderner Überschreibung und vor allem Max Reinhardts Regie aber durchaus einiges abzugewinnen. Oder, Frank Riede?