NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
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Folge vom 08.01.2022Berliner HotelschauZu den regelmäßigen Rubriken in der BZ am Mittag gehörte auch ein Überblick über die Prominenz, die in den nobleren Berliner Hotels übernachtete. Darüber, an wen sich genau diese „Berliner Hotelschau“ richtete, lässt sich nur spekulieren. Wahrscheinlich ermöglichte es Interessierten eine Kontaktaufnahme mit den Persönlichkeiten aus Politik, Diplomatie, Industrie, Adel, Kunst und Kultur. Sie wussten in welchem Hotel sie vorsprechen konnten. Damals verrieten es diese begehrten Persönlichkeiten ja noch nicht auf ihren Social media-Kanälen. Frank Riede liest für uns die Hotelschau vom 8. Januar 1922, die zunächst allgemeine Informationen zum Fremdenverkehr in Berlin gibt, bevor sie zu den kuriosen Listen, die Namen mit Hotels verbinden, kommt. Diesmal haben wir, ausnahmsweise, diesen Teil des Artikels gekürzt. Das Prinzip dieser ungewöhnlichen Rubrik dürfte aber deutlich werden.
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Folge vom 07.01.2022Angeklagt nach Paragraph 175Seit seinem Inkrafttreten am 1. Januar 1872 kannte das Reichsstrafgesetzbuch den Paragraphen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter (teilweise drakonische) Strafe stellte. Alle Versuche aus dem linken politischen Spektrum, diesen abzuschaffen, scheiterten auch nach 1918 an den Mehrheitsverhältnissen im Reichstag. Zwar bewegte sich die Zahl der jährlichen Verurteilungen nach Paragraph 175 in Weimarer Zeit reichsweit ‘nur‘ im mittleren dreistelligen Bereich. Gerade mutige Aktivisten der jungen Schwulenbewegung wie der Herausgeber der Kunstzeitschrift „Der Eigene“ Adolf Brand lebten in ihrem Kampf für die Legalisierung der Homosexualität aber dennoch gefährlich und standen ständig mit einem Bein im Gefängnis. Zum Glück waren Brand und seine Anwälte rechtskundig und clever genug, um zu wissen, was sie vor Gericht sagen durften und was nicht. Die Berliner Volks-Zeitung vom 7. Januar 1922 hat es für die Nachwelt festgehalten, Paula Leu liest es uns vor.
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Folge vom 06.01.2022Aller heiligen Könige sind dreiWäre Auf den Tag genau in irgendeinem Archiv dieser Welt verschlagwortet, würde es eine Recherche zu dem Suchbegriff ‘Feiertag‘ bereits auf eine ganz stattliche Zahl an Einträgen bringen. In zwei Jahren Podcast ist en passant gleichsam eine Anthologie des vor einhundert Jahren bestehenden Festkalenders und der dazugehörigen Feierbräuche zusammengekommen. Eine der letzten prominenten Lücken in dieser Serie schließt unser heutiger, dem Dreikönigstag gewidmeten Artikel aus dem Vorwärts vom 6. Januar 1922. Allzu christlich Erbauliches ist von einer sozialdemokratischen Zeitung zu diesem Anlass nicht zu erwarten, und tatsächlich geht es auch eher als um theologische Finessen um die aktuelle politische Weltlage; d.h. statt auf Caspar, Melchior und Balthasar wird hier dereinst in hundert Jahren die Suchfunktion auf die Schlagworte Harding, Lloyd George und Briand reagieren. Und was du, glückliche Archivbenutzer*in in ferner Zukunft, dann, wenn du klickst, zu hören bekommen wirst, ist die Stimme von Frank Riede.
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Folge vom 05.01.2022Der Hauptmann von Köpenick ist tot!Nein, von Harald Juhnke ist hier nicht die Rede. Dieser musste am 5. Januar 1922 schließlich noch über sieben Jahre auf seine Geburt in der Städtischen Frauenklinik zu Charlottenburg warten. Wenn die Berliner Presse an diesem Tag den Tod des Hauptmanns von Köpenick vermeldet, ist tatsächlich das Original gemeint: Friedrich Wilhelm Voigt, Deutschlands berühmtester Schuster, dem es am 16. Oktober 1906 nur mit Hilfe einer preußischen Uniform das Rathaus von Köpenick zu kapern gelungen war, hatte im Alter von knapp 73 Jahren das Zeitliche gesegnet. Zwei Jahre nach seinem Coup nach der Hälfte der gegen ihn ursprünglich verhängten Haftstrafe von Namensvetter Kaiser Wilhelm II. begnadigt, wusste Voigt seinen Legendenstatus zeitweise durchaus erfolgreich zu vermarkten, vermochte seinen darüber erworbenen bescheidenen Wohlstand freilich nicht über Krieg und Inflation hinwegzuretten. Verarmt starb er am 3. Januar 1922 weit weg von Dahme und Spree im fernen Luxemburg. Trotzdem schaffte er es zwei Tage später noch einmal prominent auf die Titelseite der Berliner Morgenpost, die noch einmal ausführlich an seinen großen Coup erinnert. Für uns tut dies Paula Leu.