NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
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Folge vom 14.06.2021Ein 50-Zeilen-RomanDas Leben ist zu schnell geworden „für lange Literatur, zu flüchtig für verweilendes Schildern und Betrachten“ schrieb Alfred Polgar, einer der besonders geschätzten Autoren auch in diesem Podcast, Mitte der 1920er. „Episodische Kürze“ sei nicht nur eine Möglichkeit, sondern die Aufgabe zeitgemäßer Schriftstellerei. Mit seinen 50-Zeilen-Romanen lässt sich auch Rudolf Olden zu den Autoren kleiner Formen zählen. Und er schließt in seiner am 14. Juni im Berliner Tageblatt erschienenen Geschichte über einen unsinnigen Eifersuchtsmord auch thematisch an die Tradition des fait divers, des als vermischte Nachricht in den Lücken zwischen den gewichtigen Artikeln einer Zeitung zu findenden, beiläufig erzählten kuriosen Skandals an. Gelesen von Frank Riede.
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Folge vom 13.06.2021Fort mit Kahr!Wer sich prominent für den demokratischen Rechtsstaat, möglicherweise gar in einer sozialdemokratischen Partei engagierte, lebte in den frühen Weimarer Jahren gefährlich. Rechtsextreme Geheimbünde bekämpften die verhasste Republik terroristisch aus dem Untergrund und begingen zahlreiche Fememorde an deren Repräsentanten. Einem solchen fiel am 9. Juni 1921 mutmaßlich auch der Fraktionsvorsitzende der USPD im bayerischen Landtag Karl Gareis zum Opfer. Ob es tatsächlich, wie man heute vermutet, Häscher der berüchtigten Organisation Consul waren, die ihn auf dem Rückweg von einem schulpolitischen Vortragsabend vor seiner Münchner Wohnung niederschossen, wurde auch deshalb nie aufgeklärt, weil die bayerische Staatsregierung des Ministerpräsidenten Gustav von Kahr schützend ihre Hand über alle Einwohnerwehren und sonstigen rechten Milizen hielten. Die SPD-Parteizeitung Vorwärts zeigte sich von dem Attentat erschüttert und rief ziemlich unverhohlen zum Sturz der Regierung Kahr auf. Es liest Paula Leu.
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Folge vom 12.06.2021Gefangen in AvignonMit Avignon verbinden wir heute die zerstrittenen mittelalterlichen Päpste, das weltweit strahlende Theaterfestival oder schlicht die berühmte provenzalische Küche. 1921 gab es in Bezug auf Avignon nur ein Thema, welches Deutschland bewegte: Die 155 Soldaten, die seit dem Ersten Weltkrieg immer noch in Kriegsgefangenen-Lagern in der Gegend von Avignon ihr Dasein fristeten. Auf diplomatischem Wege bemühte sich jedes Kabinett um eine Freilassung, die auch auf öffentlichen Massenkundgebungen gefordert wurde. Eine solche fand am 12. Juni im Berliner Lustgarten statt. In der Morgenausgabe des Tages kündigte der Vorwärts diese Versammlung an und schilderte das Schicksal der Männer, die festgehalten wurden, weil sie wegen Vergehen, die sie in der Gefangenschaft begangen haben, meistens kleine Diebstähle und Fluchtversuche, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren. Uns bereitet Frank Riede auf die Kundgebung vor.
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Folge vom 11.06.2021Berliner Mimen privatRegelmäßige Hörerinnen oder Hörer unseres Podcasts können es bestätigen: Starkult war bereits auch den frühen 1920er Jahren durchaus nicht fremd. Die großen Mimen und Diven wurden wie eh und je auch und gerade für ihre besonderen Idiosynkrasien und Manierismen verehrt und entsprechend einem sich daraus ergebenden Marktwert höchst kalkuliert als Zugpferde im Theater und erst recht im Kino eingesetzt. Umso auffälliger ist vor diesem Hintergrund, dass das Privatleben dieser Bühnen- und Leinwandstars zumindest der Qualitätspresse kaum einmal eine Andeutung wert ist – wenn es nicht gerade, wie jüngst im Falle des verstorbenen Reinhardt-Schauspielers Harry Walden, in einer Familientragödie endete. Porträts kamen in den reichhaltigen Feuilletons nur höchst ausnahmsweise vor, Homestories waren gar erst recht kein etabliertes Genre. Immerhin – im Berliner Tageblatt vom 11. Juni 1921 finden sich doch ein paar schnipselartige Ansätze dazu. Aus ihnen liest für uns Paula Leu.