NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 02.12.2022Frauen bei Gerhart HauptmannDer große naturalistische Dramatiker Gerhart Hauptmann, der Schöpfer der Weber oder des Biberpelz, befand sich in den frühen 1920er Jahren auf dem Gipfel seines Ruhmes, und entsprechend ausgiebig wurde sein 60. Geburtstag am 15. November 1922 mit zahlreichen Empfängen und Festreden sowie auch in der hauptstädtischen Presse gefeiert. Das Cöpenicker Tageblatt betätigt sich in diesem Gratulationsreigen eher ein wenig als Nachzügler, würdigt den Jubilar bzw. sein Werk am 2. November 1922 dafür aber aus einer besonders interessanten Perspektive: Gabriele Reuter, die kürzlich für uns von der Nebensaison auf Hiddensee berichtete, widmet sich in einem kurzen Text spezifisch Hauptmanns Frauenfiguren. Was sie dazu zu sagen hat, weiß Paula Leu.
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Folge vom 01.12.2022Hirschfeld: Narkotisierung oder ErotisierungDas Ehepaar Franz, vor allem der Mann Ewald Franz, hatte wiederholt in ihrer Wohnung am Kurfürstendamm Geschlechtsverkehr mit jüngeren Frauen, oftmals Prostituierten, von denen manche anschließend über Ohnmachtsanfälle und Phasen der Willens- und Bewußtlosigkeit klagten. Das Feld war bereitet für einen sich lange hinziehenden spektakulären Prozess, der als „Franz-Prozeß“ von der Presselandschaft tituliert wurde. Ende November 1922 kam es zur Urteilsfällung, nachdem sich unzählige Sachverständige gestritten hatten, ob die Frauen betäubt wurden, oder nicht. Gifte wurden in der Wohnung nicht gefunden, so dass sich die Experten, die eine Betäubung behaupteten, auf die Verhöre der Frauen stützten. Am 1.12. argumentiert ein besonders prominenter Sachverständige des Prozesses, der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, im Berliner Tageblatt eher für eine Erotisierung als eine Narkotisierung. Frank Riede liest für uns diese Einschätzung.
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Folge vom 30.11.2022Babylon - BerlinUnd schon wieder sind wir zu Grabungen im Zweistromland. Ging es vor drei Tagen in unserem Bericht aus der Vossischen Zeitung allerdings um die Förderung von Erdöl, so suchen wir heute mit dem Berliner Tageblatt vom 30. November 1922 nach ganz anderen, vergleichsweise (aber auch nur vergleichsweise) jüngeren Bodenschätzen, für die man sich im Westen damals kaum weniger brennend interessierte: Seit 1899 hatte die Deutsche Orient-Gesellschaft unter der Leitung des Archäologen Robert Koldewey am Euphrat Ausgrabungen an der mythischen antiken Metropole Babylon vorgenommen. Mit dem Vorrücken der britischen Truppen war diese Tätigkeit 1917 zu einem jähen Ende gelangt, und die Frage, ob etwa die vielen dort gesicherten Glasurziegel wie geplant in Berlin zusammengeführt und zu einer Rekonstruktion des legendären Ischtar-Tores zusammengefügt werden könnten, stand politisch in den Sternen. Diese aktuellen Querelen betrachtet der Autor mit den Initialen F und R indes nur am Rande, um in seinem Bericht vor allem die Entdeckungen und Erkenntnisse zu würdigen, die der Berliner Forschertrupp in fast zwanzig Jahren in der irakischen Wüste zu Tage gefördert hätte. Für uns greift der F.R. von Auf den Tag genau, Frank Riede, zur Schaufel.
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Folge vom 29.11.2022Der blutige Staatsstreich von AthenDie vernichtende Niederlage gegen die neu aufgestellten türkischen Truppen Mustafa Kemals und die daraus resultierende Aufgabe aller nach dem Weltkrieg beanspruchten Gebiete in Kleinasien hatte Griechenland im Sommer 1922 im Mark erschüttert. Die alten politischen Konflikte zwischen den Anhängern des vielmaligen Premierministers Venizelos und Parteigängern König Konstantins brachen wieder auf und dokumentierten sich in einem blutigen Machtwechsel, den man überall in Europa mit Erschütterung zur Kenntnis nahm: Sechs führende Vertreter der im Staatsstreich gestürzten Regierung um Ex-Premier Dimitrios Gounaris wurden in einem Scheinprozess wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und umgehend kalt exekutiert. Das Berliner Tageblatt berichtet am 29. November 1922 mit Abscheu von dieser „Schandtat“ und kann sich nicht verkneifen, die politische Verantwortung für diese der ungeliebten französischen Regierung zuzuschieben. Die Details weiß Paula Leu.