NachrichtenKultur & Gesellschaft
Auf den Tag genau Folgen
Aus dem Kiez in die Welt, von der Oper in den Boxring – mit täglich einer Zeitungsnachricht aus der Hauptstadtpresse heute vor 100 Jahren tauchen wir ein in die Fragen und Debatten, die das Berlin von 1920 bewegten. Halte dich informiert und bleib auf dem Laufenden über eine Welt, die uns heute doch manchmal näher ist, als man meinen möchte. Die aktuelle Staffel „Hamburg und die Welt vor 100 Jahren“ entsteht in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und präsentiert Zeitungsartikel aus Hamburger Tageszeitungen. Es gilt weiterhin: bis morgen! Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg und die Hapag-Lloyd Stiftung unterstützen die Pilotphase des Geschichtspodcast finanziell. Mit Dank an Andreas Hildebrandt für den Jingle und Anne Schott für die Bildmarke.
Folgen von Auf den Tag genau
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Folge vom 11.07.2020Wissenschaftler findet Jungbrunnen!Eugen Steinach war ein österreichischer Physiologe und Pionier der Sexualforschung. Während die Medizin etwa seiner Erfindung erster funktionierender Hormonpräparate sicherlich viel verdankt, war die von ihm entwickelte Methode der Verjüngung durch Hodentransplantation sehr umstritten. 1920, selbst 59 Jahre alt, machte er seine Forschungen dazu publik, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von seinen Verjüngungserfolgen. Wie alle Berliner Tageszeitungen schreibt auch die Berliner Volks-Zeitung am 11. Juli über die Aussicht auf einen medizinisch-wissenschaftlichen Jungbrunnen, der freilich nur Männern zur Verfügung stehen soll - eine Tatsache, die nicht thematisert wird und in keinster Weise die Begeisterung des Autors trübt. Es liest Paula Leu.
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Folge vom 10.07.2020J. M. Keynes kritisiert Vertrag von VersaillesJohn Maynard Keynes gilt als einer der wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Dass er mehr war als nur brillianter Wissenschaftler, zeigt allerdings auch schon sein erstes großes Buch, über „Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles“. Mit erstaunlicher Klarsicht prophezeite er hier die fatalen politischen Konsequenzen, welche der insbesondere durch zu hohe Reparationsauflagen erzwungene Niedergang Deutschlands als Motor der europäischen Wirtschaft mit sich bringen sollte. Obwohl er als Mitglied der britischen Delegation selbst in Versailles war, konnte Keynes’ die Verhandlungen nicht in seinem Sinne beeinflussen. Erst nach Ende des 2. Weltkrieges fielen seine Vorschläge auf fruchtbareren politischen Boden. Dass die Berliner Volkszeitung die deutsche Übersetzung seines Buches bereits am 10.7. 1920 äußerst positiv besprach, ist allerdings auch nicht wirklich überraschend… Es liest Frank Riede.
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Folge vom 09.07.2020Der Kampf um das BauhausMan kann es sich heute kaum noch vorstellen: das Bauhaus war in Weimar alles andere als unumstritten. Tatsächlich hatte Walter Gropius von Anfang an gegen die antireformerischen, konservativen Kräfte nicht zuletzt der alten Kunsthochschule anzukämpfen. 1920 gab es zudem auch in Weimar einen politischen Rechtsruck, was die Genehmigung der für den Ausbau der erst 1919 gegründeten Schule notwenigen finanziellen Mittel noch schwieriger machte. Die Vossische Zeitung vom 9.7.1920 berichtet vom „Entscheidungskampf in Weimar“ in dessen Verlauf Gropius selbst seine Sache vor den Abgeordneten des Landtags vertreten konnte. Mit Erfolg. Zumindest blieb das Bauhaus der Stadt erhalten. Bis es 1925 dann doch noch nach Dessau umsiedeln sollte… Es liest Paula Leu.
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Folge vom 08.07.2020Nachruf auf Max KlingerMax Klinger, stellte jüngst die Süddeutsche Zeitung anlässlich des einhundertsten Todestages des Malers fest, „ist immer noch zu entdecken“, weil er im Grunde bis heute nicht der doppelten Verfemung entkam, der er zu Lebzeiten ausgesetzt war: Zunächst im prüden Kaiserreich wegen seiner revolutionär-überbordenden Freizügigkeit angefeindet, wurde er später, nach dem Aufkommen der künstlerischen Avantgarde-Bewegungen, so die SZ, nun als „kitschiger Reaktionär” verschmäht. Belege für Letzteres finden sich in der Tat schon in seinen Nachrufen. So hob die kommunistische Parteizeitung ‘Rote Fahne‘ in ihrer Würdigung vom 8. Juli 1920 zwar das malerische Talent und die Universalität seiner Ausdrucksmittel hervor. Gleichzeitig ließ sie jedoch keinen Zweifel daran, dass Klinger in einem bürgerlichen Künstlertum des 19. Jahrhunderts steckengeblieben und die Zeit bereits vor seinem Tode über ihn hinweggegangen sei. Eine streitbare Einschätzung – hier gelesen von Frank Riede.